Stress im Job – Dein Freund oder Feind?

Ich weiß nicht, wie es dem Rest der Welt geht, aber ich würde manchmal am liebsten die Zeit anhalten und diese Welt mal zum Stillstand bringen. Manchmal schwirrt mein Kopf von all den bevorstehenden Todos und die Woche rast nur so dahin. Viele Menschen in meinem Umfeld wirken gehetzt, Erwartungsdruck und zu viele Termine wo man nur hinblickt. Eine meiner persönlich größten Stressphasen habe ich während meines Jobs in einer Unternehmensberatung erlebt. Im Stundentag mussten Aufgabenpakete an Kunden abgeliefert werden, ich trat mit nur vagen Instruktionen in Calls als „Expertin“ gegenüber 20 Managern auf und hatte nur wenig Einfluss darauf, auf welchem Teil des Kontinents ich im nächsten Monat eingesetzt wurde. Stress äußert sich in jedem Job anders und ich bin mir sicher, ich hatte nicht mal die schlimmsten Szenarien.

Stress bedeutet Kontrollverlust

Psychologisch betrachtet ist in Stresssituationen eines unserer wichtigsten Grundbedürfnisse nicht befriedigt: das Bedürfnis nach Kontrolle. Egal, ob wir zu viele Dinge auf einmal tun müssen und drohen den Überblick zu verlieren, immensen Druck verspüren, dem wir nichts entgegensetzen können oder zu wenig Zeit für alles haben: all dies resultiert in dem wahrgenommenen Verlust von Kontrolle und das Resultat ist Stress.

Erste Hilfe in akuten Stresssitutationen

Im Laufe der Zeit haben die folgenden Tools mir geholfen, mit Druck und Stress besser klarzukommen. Für mich ein Erste-Hilfe-Koffer für Chaos-Arbeitstage (when shit hits the fan – wie man im Englischsprachigen so schön sagt).

Abgrenzen und Abschotten

Wenn zu viel in zu kurzer Zeit erledigt werden muss und alles droht zu kippen, müssen radikale Maßnahmen ergriffen werden. Und hierzu zählt, sich abzuschotten gegen alle Aufgaben und Anfragen, die nicht brennen. Studien haben ergeben, dass Multitasking in vielen Fällen schlichtweg nicht funktioniert. In Wirklichkeit springen wir mit unserer Aufmerksamkeit oft zwischen zwei oder mehr Aufgaben hin und her (sogenanntes Task switching), und das macht uns langsamer und verringert die Aufmerksamkeitsspanne. Ironisch oder? Aufgrund von Zeitmangel versuchen wir, mehr in kürzerer Zeit zu schaffen, bewirken aber leider das Gegenteil. Dieser Effekt zeigte sich in Studien sogar, wenn Versuchsteilnehmer durch das Outlook Vorschaufenster subtil an ihre Emails erinnert wurden. Allein diese kleine Ablenkung führte dazu, dass sie komplexe Aufgaben am PC weniger effektiv lösten. Diese Ergebnisse lassen sich konkret auf reale Jobsituationen übertragen. Es erfordert lediglich Mut, sich konsequent abzugrenzen, wenn es stressig wird.

Give it a break

Neben Dual- oder Multitasking ist auch das Stressempfinden selbst kontraproduktiv. Wenn unser Adrenalin-Level hochgepeitscht wird, befindet sich unser Körper in Flucht-oder-Kampf-Modus und unser Gehirn ist nur noch schwer in der Lage, komplexe Probleme kreativ zu lösen. Um das körperliche Stresslevel herunterzubringen, hat mir unwahrscheinlich geholfen, mich der Stress-Situation kurz zu entziehen – und wenn es nur für wenige Minuten ist. Kleine Notfall-Interventionen wie wenige Minuten an der frischen Luft durchatmen oder kurze Achtsamkeitsübungen lassen sich immer und überall durchführen und können den Puls spürbar runterbringen.

Suche Unterstützung

Unser soziales Umfeld ist immens wichtig für unser Wohlbefinden, warum also nicht Unterstützung von Kollegen einfordern, wenn man droht unterzugehen? Es hilft nicht nur dabei, inhaltliche Unterstützung beim Meistern eines Chaos-Tags zu bekommen, sondern es tut auch wahnsinnig gut, seine Sorgen mal zu teilen und von anderen aufmunternde Worte zu hören. Niemand ist eine Insel.

Wechsel die Perspektive

Wenn wir viel Druck und Stress empfinden, haben wir häufig einen Tunnelblick: Die Gedanken kreisen um das Problem, eine Lösung ist nicht in Sicht, alles ist schlecht und die Katastrophe naht. Coaches und Therapeuten bedienen sich daher der Technik des Reframing, um dem Klienten Erleichterung zu verschaffen und zu Erkenntnissen zu verhelfen: Wechsel doch einfach mal die Perspektive und betrachte das Problem von einer anderem Standpunkt. Wie wichtig ist die belastende Aufgabe aus der Perspektive des Gesamtunternehmens? Wie schwerwiegend wird das Problem in einem Monat oder einem Jahr noch sein? Auch spannend kann die folgende Frage sein: Was ist das Schlimmste, das passieren kann?

Ist das Chaos einmal überstanden

Weiterhin ist es wichtig, sich mal abseits von Stresssituationen zu reflektieren: Was hat in solchen Situationen bislang gut funktioniert? Welche Stärken habe ich, die mir in zukünftigen Stresssituationen helfen? Seine Stärken zu kennen ist extrem wertvoll, ihr Bewusstmachen fördert unsere Resilienz in Krisensituationen.

Stress als Chance

Die Welt können wir vielleicht nicht anhalten, aber mit allgegenwärtigem Stress verbreiten sich immer mehr die Erkenntnisse, die den Umgang damit erleichtern. Die Wirksamkeit von Methoden wie Meditation, Achtsamkeit oder beispielsweise Yoga scheinen immer mehr die Unternehmen zu durchdringen und Anhänger zu finden. Gut so!

Und vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass sich diese Methoden und Tipps mehr oder weniger auf die Veränderung des Stressempfindens beziehen. Hier liegt ein entscheidender Aspekt von Stress: Wie wir eine Situation deuten, beeinflusst maßgeblich, wieviel Stress wir wahrnehmen. Interpretieren wir Stresssituationen als gute Gelegenheit, um unsere Resilienz zu stärken – wie einen Muskel, so empfinden wir auch weniger unangenehmen Stress. Sehen wir es mal so: Eine hektische Zeit auf der Arbeit zu durchleben, macht uns letztlich widerstandsfähiger für zukünftige Situationen. Studien der Psychologin Kelly McGonigal haben genau das bestätigt: Menschen, die viel Stress erleben und diesen als gesundheitsschädlich wahrnehmen, wiesen ein 43 Prozent höheres Sterberisiko auf, als diejenigen, die Stress als unproblematisch ansahen, ihn also anders bewerteten. Diese erstaunlichen Erkenntnisse teilte Kelly in einem inspirierenden TED talk, der bis heute mehr als 18 Millionen Mal gesehen wurde.

Verändere deine Wahrnehmung von Stress

Abseits von diesem Erste-Hilfe-Set also ein Lichtblick: Während die Anwendung von sogenannten emotionsbezogenen und problembezogenen coping-Strategien (zu beiden zählen die oben genannten Tipps) im akuten Chaos helfen, kann langfristig eine positive Einstellung zu Stress (Psychologen sprechen hier vom stress mindset) positiv auf unsere Gesundheit wirken. Diese Forschungsergebnisse sind wieder einmal ein Beispiel dafür, wie untrennbar unsere Psyche mit unseren körperlichen Reaktionen verbunden ist. Umdenken lohnt sich also!

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